Stiller (2025) 3/10
Wer mich und meine Literaturvorlieben kennt, ahnt vielleicht, dass ich einer Max Frisch Verfilmung mit maximalem Bias begegne, hat mir doch kaum ein Autor so viel gegeben wie der Mann, der bei Wer wird Millionär als Antwort einer meines Erachtens nach abenteurlich leichten Millionenfrage einen gewitzten Kandidaten, der sehr eindeutig nicht ich war, sehr reich gemacht hat. Gerade Stiller finde ich in den Themen, die der Roman auslotet, so dicht mit so vielen zusammenlaufenden Fäden, dass eine Verfilmung eigentlich nur misslingen kann.
Das dachte sich der Regisseur Stefan Haupt, der sich dem Drehbuch zusammen mit Alexander Buresch (der lt. Wikipedia hauptsächlich Copaganda für die Öffentlich rechtlichen schreibt, womit alles gesagt ist) gewidmet hat, wohl auch und hat kurzerhand entschieden, dass für Frisch im Allgemeinen und ganz besonders für diesen Roman prägende Elemente wie die Bildnisproblematik, also der konstante Kampf gegen die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdbild einer Person, höchstens als Aufhänger fungieren können und das Buch so richtig davon profitiert, wenn man alles an der Handlung der Liebesgeschichte unterordnet. Na, ob das eine gute Idee war?
Natürlich nicht, saublöde Frage.
Kurzzusammenfassung der Romanvorlage: James Larkin White wird in der Schweiz aufgegriffen und als der in eine politische Affäre verwickelte verschollene Bildhauer Anatol Stiller identifiziert, wogegen dieser sich mit aller Kraft wehrt. In der U-Haft trifft er auf verschiedene Charaktere, die den verschollenen Stiller kannten und nicht nachvollziehen können, warum dieser sie nicht mehr kennen möchte. In der Haft schreibt White seine Geschichte auf und versucht anhand verschiedener Annekdoten und Gleichnisse begreiflich zu machen, dass er nicht mit dem verschollenen Stiller identisch ist.
Dass es etwa die Geschichten von Isidor dem Apotheker oder Rip van Winkle nicht in die Verfilmung geschafft haben, kann ich dabei vollkommen nachvollziehen. Irgendwo muss man den Rötel ansetzen, wenn ein Roman zum Drehbuch wird, und wenn man ehrlich ist, gibt das Buch genug Erzählungen Whites her, die die selben Funktionen erfüllen und für eine Verfilmung interessanter erscheinen. Aber das ist hier ja überhaupt nicht geschehen. Jeder Versuch, den Menschen um ihn herum zu erklären, dass er nicht Stiller ist, wird auf ein konstantes "Ich bin nicht Stiller!" oder "My name is James Larkin White" zusammengestrichen, so dass der Protagonist, den man mit seinen ständigen bemühten Anglizismen zu einem kompletten Hanswurst degradiert hat, wie eine Actionfigur wirkt, die eine einstellige Anzahl an Sätzen aufsagen kann.
Auch Stillers/Whites Probleme mit seiner Männlichkeit werden zu simplen Zitaten zusammengestrichen, ohne dass man auch nur annähernd ein Gefühl dafür bekommen kann, wo die Struggles überhaupt liegen. Die Urkatastrophe von Stillers Männlichkeit, sein Versagen im spanischen Bürgerkrieg, wird als Annekdote aufgewärmt ohne auch nur einmal die Verbindung zu seinen sexuellen Komplexen herzustellen. Ja Himmel, wie deutlich solls denn noch werden.
Könnte man das verzeihen, wenn das, was vom Buch übrig geblieben ist, stark umgesetzt worden wäre? Natürlich nicht. Aber die Frage muss man sich nicht einmal stellen, weil Haupt und sein Kollaborateur die vielschichtige Liebesgeschichte des Originals als leicht verdaulichen Rosamunde Pilcher Seelenwärmer inszenieren. Da versteht sich von selbst, dass da das richtige Romanende nicht reingepasst hat.
Es ist ein großer Jammer. Ich vergebe wirklich selten Wertungen unterhalb von 5 Punkten. Man muss mir da schon abenteuerlichen Schwachsinn antun, dass ich das über mich bringe. Hier fällts nicht schwer. 3 Punkte gibts, weil die Darsteller*innen aus dem, was man ihnen da untergejubelt hat, wahrscheinlich noch das beste rausholen und weil der Film ganz hübsch aussieht. Und weil nach wie vor Filme wie Franz Beckenbauers Libero existieren, die zeigen, dass das Medium Film noch viel ärger misshandelt werden kann.